Leitlinie: Morbus Menière

Evidenzbasierte Einordnung

Erkrankung:
Morbus Menière

Leitlinienbasis:
Bárány Society / AAO-HNS (2015)

Evidenzniveau:
Mittel (klinische Diagnosekriterien, heterogene Studienlage zur Therapie)

Empfohlene Therapie:
Symptomorientiert, individuell angepasst (medikamentös, vestibuläre Rehabilitation in späten Stadien)

Medikamentöse Therapie:
Akuttherapie und prophylaktische Ansätze möglich

Prognose:
Variabel, häufig fluktuierender Verlauf mit möglicher Progression


 

1. Kurzdefinition

Morbus Menière ist eine chronische Erkrankung des Innenohrs, die durch anfallsartigen Drehschwindel, fluktuierende Hörminderung, Tinnitus und Ohrdruck gekennzeichnet ist.


 

2. Pathophysiologie

  • endolymphatischer Hydrops
  • Druckveränderungen im Innenohr
  • Dysfunktion der cochleären und vestibulären Strukturen
  • Ursache nicht vollständig geklärt
  • mögliche Einflussfaktoren:
    • genetische Prädisposition
    • autoimmune Prozesse
    • Störungen der Flüssigkeitsregulation

 

3. Leitsymptome

  • anfallsartiger Drehschwindel (20 Minuten bis mehrere Stunden)
  • fluktuierende Hörminderung (typisch: Tieftonbereich initial)
  • Tinnitus
  • Druckgefühl im Ohr
  • vegetative Symptome (Übelkeit, Erbrechen)

 

4. Diagnostik

Klinische Diagnose nach Bárány-Kriterien

Definitiver Morbus Menière:

  • ≥2 spontane Schwindelattacken (20 Minuten – 12 Stunden)
  • audiometrisch nachgewiesene Hörminderung
  • fluktuierende cochleäre Symptome
  • keine bessere Erklärung durch andere Erkrankung

 

Wahrscheinlicher Morbus Menière (Probable MD)

Alle Kriterien müssen erfüllt sein:

  1. ≥ 2 Episoden vestibulärer Symptome
    (Schwindel oder unspezifischer Schwindel)
    Dauer: 20 Minuten bis 24 Stunden
  2. Fluktuierende cochleäre Symptome im betroffenen Ohr:    Hörminderung, Tinnitus und/oder Druckgefühl
  3. Keine bessere Erklärung durch eine andere vestibuläre Diagnose

 

Zusatzdiagnostik

  • Audiometrie
  • Vestibularisdiagnostik (Kalorik, vHIT, VEMP)
  • MRT zum Ausschluss anderer Ursachen

 

Typische Befunde

  • progrediente Hörminderung
  • vestibuläre Hypofunktion im Verlauf möglich

 

5. Differenzialdiagnosen

  • vestibuläre Migräne
  • BPLS
  • akute Vestibulopathie
  • zentrale vestibuläre Störungen
  • Perilymphfistel

 

6. Therapie

Akuttherapie

  • Antivertiginosa
  • Antiemetika
  • ggf. Kortikosteroide

 

Intervalltherapie / Prophylaxe

  • Lebensstilanpassung (z. B. Salzreduktion)
  • medikamentöse Therapie (z. B. Betahistin – umstritten)
  • intratympanale Therapien (z. B. Steroide, Gentamicin in schweren Fällen)

 

Vestibuläre Rehabilitation

  • v. a. im chronischen Verlauf
  • bei persistierender vestibulärer Hypofunktion
  • Fokus:
    • Blickstabilisation
    • Gleichgewichtstraining
    • funktionelle Kompensation

 

Operative Optionen

  • bei therapierefraktären Verläufen
  • z. B.:
    • endolymphatische Dekompression
    • Labyrinthektomie (ultima ratio)

 

7. Verlauf & Prognose

  • fluktuierender Verlauf typisch
  • Attacken können im Verlauf abnehmen
  • Hörverlust oft progredient
  • vestibuläre Funktion kann langfristig abnehmen
  • Übergang in chronische Gleichgewichtsstörung möglich

 

8. Praxis-Take-Home

  • Kombination aus Schwindel + Hörsymptomatik ist entscheidend
  • Diagnose klinisch + audiologisch
  • Verlauf oft wechselhaft
  • Therapie individuell anpassen
  • vestibuläre Rehabilitation im chronischen Stadium wichtig

 

9. Literatur

  • Bárány Society / AAO-HNS (2015)
  • Strupp et al.
  • Aktuelle Reviews zu Morbus Menière
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