Leitlinie: Vestibuläre Migräne
Evidenzbasierte Einordnung
Erkrankung:
Vestibuläre Migräne
Leitlinienbasis:
Bárány Society / International Headache Society (ICHD-3, Lempert et al., 2012 / 2018)
Evidenzniveau:
Mittel (klinische Diagnose, zunehmende Studienlage)
Empfohlene Therapie:
Multimodaler Ansatz aus Trigger-Management, medikamentöser Therapie und vestibulärer Rehabilitation
Medikamentöse Therapie:
Migräneprophylaxe und Akuttherapie nach klassischen Migräneleitlinien
Prognose:
Variabel, oft gut behandelbar bei konsequentem Management
1. Kurzdefinition
Die vestibuläre Migräne ist eine häufige Ursache episodischen Schwindels und gehört zu den zentral-vestibulären Störungen.
Sie ist gekennzeichnet durch wiederkehrende Schwindelattacken, die mit migränetypischen Symptomen einhergehen.
2. Pathophysiologie
- zentrale Störung der sensorischen Integration
- Interaktion zwischen vestibulärem System und trigemino-vaskulärem System
- neuronale Übererregbarkeit
- gestörte visuelle und vestibuläre Verarbeitung
- mögliche Beteiligung von Hirnstamm und Kleinhirn
3. Leitsymptome
- episodischer Schwindel (Minuten bis Stunden, selten Tage)
- Drehschwindel, Schwankschwindel oder Benommenheit
- migränetypische Begleitsymptome:
- Kopfschmerz
- Photophobie
- Phonophobie
- visuelle Aura
- visuelle Überempfindlichkeit
- Bewegungssensitivität
4. Diagnostik
Klinische Diagnose nach ICHD-3 / Bárány-Kriterien
- mindestens 5 Episoden vestibulärer Symptome
- Dauer: 5 Minuten bis 72 Stunden
- aktuelle oder frühere Migräneanamnese
- migränetypische Symptome in ≥50 % der Attacken
- keine bessere Erklärung durch andere Erkrankung
Zusatzdiagnostik
- vestibuläre Testbatterie (oft unauffällig oder inkonsistent)
- Audiometrie (zum Ausschluss Menière)
- neurologische Untersuchung
- ggf. Bildgebung bei unklaren Befunden
Typische Befunde
- häufig unauffällige apparative Diagnostik
- keine klare periphere Läsion
- hohe Variabilität der Befunde
5. Differenzialdiagnosen
- Morbus Menière
- PPPD
- BPLS
- akute Vestibulopathie
- zentrale vestibuläre Störungen
- Angststörungen / funktioneller Schwindel
6. Therapie
Grundprinzip
Behandlung orientiert sich an der klassischen Migränetherapie, ergänzt durch vestibuläre Ansätze.
Trigger-Management
- Identifikation individueller Trigger
- häufig:
- Stress
- Schlafmangel
- hormonelle Schwankungen
- visuelle Reize
- bestimmte Nahrungsmittel
Medikamentöse Therapie
Akut:
- Triptane
- NSAR
- Antiemetika
Prophylaxe:
- Betablocker
- Topiramat
- Amitriptylin
- andere Migräneprophylaktika
Vestibuläre Rehabilitation
- bei persistierenden Beschwerden zwischen den Attacken
- Inhalte:
- Blickstabilisation
- Habituation
- Gleichgewichtstraining
- visuelle Desensibilisierung
Edukation
- Erklärung der Erkrankung
- Zusammenhang zwischen Migräne und Schwindel
- Förderung von Selbstmanagement
7. Verlauf & Prognose
- häufig episodischer Verlauf
- Attacken können im Verlauf variieren
- gute Prognose bei konsequenter Therapie
- Übergang in chronische Formen möglich
- Überlagerung mit PPPD nicht selten
8. Praxis-Take-Home
- häufige Ursache von Schwindel mit unauffälliger Diagnostik
- Diagnose klinisch stellen
- Migräneanamnese gezielt erfragen
- Therapie multimodal
- Trigger-Management ist zentral
9. Literatur
- Lempert et al., 2012 / 2018 (Bárány Society / ICHD-3)
- Neuhauser et al.
- Aktuelle Reviews zur vestibulären Migräne
