Akute unilaterale Vestibulopathie (AUVP / Neuritis vestibularis)
Evidenzbasierte Einordnung
Erkrankung:
Akute unilaterale Vestibulopathie (AUVP) / Neuritis vestibularis
Leitlinienbasis:
Bárány Society Diagnostic Criteria (Strupp et al., 2022)
Evidenzniveau:
Mittel–hoch (Konsensus + klinische Studien)
Empfohlene Therapie:
Frühzeitige Mobilisation + Vestibuläre Rehabilitation
Medikamentöse Therapie:
Nur kurzfristig symptomatisch (keine Dauertherapie)
Prognose:
Gut, zentrale Kompensation innerhalb von Wochen
1. Kurzdefinition
Die akute unilaterale Vestibulopathie ist ein akutes vestibuläres Syndrom, verursacht durch einen plötzlichen einseitigen Funktionsausfall des peripheren Gleichgewichtsorgans.
Typisch ist ein anhaltender Dreh- oder Schwankschwindel ohne Hörminderung oder zentrale neurologische Symptome.
2. Pathophysiologie
akuter Funktionsverlust eines Vestibularorgans
häufig betroffen: N. vestibularis superior
wahrscheinlich entzündliche Genese (z. B. HSV-1-Reaktivierung)
asymmetrischer vestibulärer Input → Fehlinterpretation im ZNS
→ Spontannystagmus + Schwindel
→ zentrale Kompensation im Verlauf
3. Leitsymptome
akuter, anhaltender Drehschwindel (≥ 24 h)
starke Übelkeit / Erbrechen
Gangunsicherheit, Fallneigung zur betroffenen Seite
Oszillopsien (unscharfes Sehen bei Bewegung)
deutliche Verschlechterung bei Kopfbewegung
kein anfallsartiger Verlauf
4. Diagnostik
Klinische Tests
Spontannystagmus-Beurteilung
Kopfimpulstest (HIT / vHIT)
HINTS-Untersuchung (zentral vs. peripher)
Beurteilungskriterien
horizontal-torsionaler Nystagmus
richtungsfixiert
Zunahme ohne visuelle Fixation
pathologischer HIT zur betroffenen Seite
VOR-Defizit nachweisbar
Differenzierung
peripher (AUVP):
- pathologischer HIT
- richtungsfixierter Nystagmus
zentral (z. B. Schlaganfall):
- normaler HIT
- richtungswechselnder Nystagmus
- Skew Deviation
Red Flags (zentrale Ursachen!)
neurologische Ausfälle
Doppelbilder
Sprach- oder Schluckstörungen
ausgeprägte Skew Deviation
Richtungswechsel des Nystagmus
Hörverlust (→ eher M. Menière / AICA-Infarkt)
5. Therapie
Primärtherapie
frühzeitige Mobilisation (sehr wichtig!)
Vestibuläre Rehabilitation (VRT)
Habituation + Adaptationstraining
Evidenz
starke Evidenz für VRT bei vestibulärer Hypofunktion
frühe Aktivität beschleunigt zentrale Kompensation
Medikamente
nur kurzfristig sinnvoll:
Antivertiginosa / Antiemetika
nicht empfohlen:
Langzeitgabe (hemmt Kompensation)
6. Verlauf & Prognose
deutliche Besserung innerhalb weniger Tage
Kompensation über Wochen
Restbeschwerden möglich (v. a. bei Inaktivität)
Rezidive selten (~2–10 %)
mögliche Folge:
sekundärer BPLS
7. Differenzialdiagnosen
zerebellärer / Hirnstamm-Infarkt
vestibuläre Migräne
Morbus Menière
BPLS (wichtig: nicht lagerungsabhängig!)
orthostatische Ursachen
8. Praxis-Take-Home
akuter Dauerschwindel = immer ernst nehmen
HIT ist entscheidend für die Differenzierung
HINTS kann Schlaganfall erkennen
keine Hörsymptome bei AUVP
frühe Bewegung ist Therapie!
9. Literatur
Strupp et al., 2022 (Bárány Society)
Newman-Toker et al., HINTS
APTA Clinical Practice Guideline Vestibular Rehabilitation
