Vaskulärer Schwindel / vaskuläre Vertigo (Stroke / TIA)
Evidenzbasierte Einordnung
Erkrankung:
Vaskulärer Schwindel / vaskuläre Vertigo (z. B. Hirnstamm- oder Kleinhirninfarkt)
Leitlinienbasis:
Bárány Society Diagnostic Criteria (Kim et al., 2022)
Evidenzniveau:
Mittel–hoch (Konsensus + klinische Studien)
Empfohlene Therapie:
Akutmedizinische Abklärung + Schlaganfalltherapie
Medikamentöse Therapie:
Je nach Ursache (z. B. Thrombolyse, Antikoagulation, Thrombozytenhemmung)
Prognose:
Variabel – potenziell lebensbedrohlich
1. Kurzdefinition
Vaskulärer Schwindel entsteht durch eine Durchblutungsstörung im Bereich des Gehirns oder des Innenohrs (z. B. Schlaganfall oder TIA).
Er kann isoliert auftreten, ist jedoch häufig mit neurologischen Symptomen kombiniert und muss immer als Notfall betrachtet werden.
2. Pathophysiologie
Ischämie oder Blutung im vertebrobasilären Stromgebiet
betroffen: Hirnstamm, Kleinhirn oder Innenohr
Durchblutungsstörung → Funktionsausfall vestibulärer Strukturen
→ zentrale oder periphere vestibuläre Symptome
Sonderfall:
isolierter Labyrinthinfarkt (selten, oft Vorläufer eines AICA-Infarkts)
3. Leitsymptome
akuter Schwindel (Dreh- oder Schwankschwindel)
Gangunsicherheit
Übelkeit / Erbrechen
Kopfbewegungsintoleranz
zusätzlich häufig:
neurologische Symptome (z. B. Doppelbilder, Dysarthrie)
Verlauf:
- kontinuierlich (≥ 24 h) oder
- transient (Minuten bis Stunden)
4. Diagnostik
Klinische Tests
HINTS-Untersuchung (zentral vs. peripher)
neurologischer Status
Gang- und Standprüfung
Hörprüfung
Beurteilungskriterien
zentraler HINTS-Befund:
- normaler Kopfimpulstest
- richtungswechselnder Nystagmus
- Skew Deviation
weitere Hinweise:
- schwere Rumpfataxie
- zentrale Okulomotorikstörungen
Differenzierung
vaskulär (zentral):
- normaler HIT
- zentrale Augenbewegungsstörungen
- neurologische Ausfälle
peripher (AUVP):
- pathologischer HIT
- richtungsfixierter Nystagmus
- keine neurologischen Symptome
Red Flags (Stroke!)
neurologische Ausfälle
schwere Stand-/Gangunfähigkeit
neuer starker Kopf-/Nackenschmerz
Richtungswechsel des Nystagmus
Skew Deviation
Gefäßrisikofaktoren (z. B. Vorhofflimmern)
5. Therapie
Primärtherapie
sofortige neurologische Abklärung
Stroke-Management
Evidenz
frühe Diagnostik entscheidend
HINTS teils sensitiver als frühes MRT in der Akutphase
Medikamente
je nach Ursache:
Thrombolyse
Antikoagulation
Thrombozytenhemmung
6. Verlauf & Prognose
stark variabel
abhängig von Lokalisation und Therapiezeitpunkt
Risiken:
hohe Morbidität
erhöhte Mortalität
frühe Therapie verbessert Prognose deutlich
7. Differenzialdiagnosen
akute unilaterale Vestibulopathie (AUVP)
vestibuläre Migräne
BPLS
Morbus Menière
orthostatische Ursachen
8. Praxis-Take-Home
akuter Schwindel kann Schlaganfall sein
HINTS ist Schlüsseluntersuchung
normaler HIT ist verdächtig
Red Flags ernst nehmen
im Zweifel immer neurologisch abklären
9. Literatur
Kim et al., 2022 (Bárány Society)
Newman-Toker et al., HINTS
