Bilaterale Vestibulopathie (BVP)
Evidenzbasierte Einordnung
Erkrankung:
Bilaterale Vestibulopathie (BVP)
Leitlinienbasis:
Bárány Society Diagnostic Criteria (Strupp et al., 2017)
Evidenzniveau:
Mittel–hoch (Konsensus + klinische Daten)
Empfohlene Therapie:
Vestibuläre Rehabilitation (Substitution & Adaptation)
Medikamentöse Therapie:
Keine kausale Therapie verfügbar
Prognose:
Chronisch, Kompensation begrenzt möglich
1. Kurzdefinition
Die bilaterale Vestibulopathie ist ein chronisches vestibuläres Syndrom, verursacht durch einen beidseitigen Funktionsverlust des Gleichgewichtsorgans.
Typisch sind Gangunsicherheit und Blickinstabilität bei Bewegung, insbesondere im Dunkeln oder auf unebenem Untergrund.
2. Pathophysiologie
beidseitiger Ausfall vestibulärer Funktion
→ Verlust des vestibulo-okulären Reflexes (VOR)
→ fehlende Blickstabilisierung bei Kopfbewegung
→ gestörter vestibulospinaler Input
→ Gangunsicherheit
→ erhöhte Abhängigkeit von:
- visuellem System
- Propriozeption
häufige Ursachen:
- Ototoxizität (z. B. Gentamicin)
- bilateraler Morbus Menière
- idiopathisch
- neurodegenerative Erkrankungen
3. Leitsymptome
Gangunsicherheit (v. a. beim Gehen/Stehen)
Verschlechterung im Dunkeln oder auf unebenem Boden
Oszillopsien bei Bewegung (unscharfes Sehen)
keine Symptome in Ruhe (Sitzen/Liegen)
typisch:
kein Drehschwindel!
4. Diagnostik
Klinische Tests
Kopfimpulstest (beidseits pathologisch)
vHIT
Kalorik
Rotationsstuhl
Beurteilungskriterien
bilateral reduzierter VOR
typische Grenzwerte:
- vHIT Gain < 0,6 beidseits
- Kalorik: stark reduziert (<6°/s Summenantwort)
Oszillopsie + Gangunsicherheit klinisch führend
Differenzierung
BVP:
- chronisch
- beidseitiger Ausfall
- Oszillopsien
AUVP:
- akut
- einseitig
- Drehschwindel
zentrale Ursachen:
- zusätzliche neurologische Defizite
Red Flags (keine typische BVP)
akuter Drehschwindel
neurologische Ausfälle
asymmetrische Befunde
Hörverlust im akuten Verlauf
5. Therapie
Primärtherapie
Vestibuläre Rehabilitation (VRT)
Fokus:
- Blickstabilisation
- Gleichgewichtstraining
- Substitution durch visuelle & propriozeptive Systeme
Evidenz
VRT verbessert Funktion und Lebensqualität
keine vollständige Wiederherstellung möglich
Medikamente
nicht wirksam
keine kausale Therapie verfügbar
6. Verlauf & Prognose
chronischer Verlauf
oft progredient
eingeschränkte Kompensation möglich
hohe Einschränkung der Lebensqualität
Sturzrisiko erhöht
7. Differenzialdiagnosen
Polyneuropathie
zerebelläre Ataxien (z. B. CANVAS)
visuelle Störungen
funktioneller Schwindel
8. Praxis-Take-Home
kein Drehschwindel = wichtiger Hinweis
Oszillopsie ist Leitsymptom
beidseitiger HIT entscheidend
Dunkelheit verschlechtert Symptome
Training ist Therapie
9. Literatur
Strupp et al., 2017 (Bárány Society)
