Hämodynamischer orthostatischer Schwindel / orthostatische Vertigo

Evidenzbasierte Einordnung

Erkrankung:
Hämodynamischer orthostatischer Schwindel / orthostatische Vertigo

Leitlinienbasis:
Bárány Society Diagnostic Criteria (Kim et al., 2019)

Evidenzniveau:
Mittel–hoch (Konsensus + klinische Daten)

Empfohlene Therapie:
Behandlung der orthostatischen Ursache (z. B. OH, POTS), Aufklärung, Verhaltensmaßnahmen

Medikamentöse Therapie:
Je nach Ursache, keine vestibuläre Standardtherapie

Prognose:
Abhängig von Ursache; oft gut beeinflussbar, teils Hinweis auf relevante internistische/autonome Störung


 

1. Kurzdefinition

Hämodynamischer orthostatischer Schwindel bezeichnet Schwindel, Unsicherheit oder Vertigo, die beim Aufstehen oder im aufrechten Stand auftreten und sich durch Sitzen oder Hinlegen bessern.

Ursächlich ist eine hämodynamische Störung mit unzureichender zerebraler Perfusion, typischerweise bei orthostatischer Hypotonie (OH), POTS oder im Rahmen einer Synkope.


 

2. Pathophysiologie

Aufrichten des Körpers
→ Blutvolumen verlagert sich nach kaudal
→ unzureichende Kreislaufanpassung

Folgen:

  • Abfall des Blutdrucks oder
  • überschießende Tachykardie

→ zerebrale Minderperfusion
→ Schwindel / Unsicherheit / teils Vertigo

Wichtige Ursachen:

  • Orthostatische Hypotonie
  • POTS
  • autonome Dysfunktion
  • Hypovolämie, Medikamente, Dekonditionierung, neurodegenerative Erkrankungen

 

3. Leitsymptome

mindestens 5 Episoden von:

  • Schwindel
  • Unsicherheit
  • Vertigo

ausgelöst durch:

  • Aufstehen aus dem Liegen oder Sitzen
  • aufrechte Körperhaltung

Besserung:

  • im Sitzen
  • im Liegen

begleitend oft:

  • Schwäche / Müdigkeit
  • Konzentrationsstörung
  • verschwommenes Sehen
  • Tachykardie / Palpitationen

 

4. Diagnostik

Klinische Tests

orthostatische Blutdruck- und Pulsmessung
Schellong-Test / aktiver Standtest
Kipptischuntersuchung (Head-up Tilt)


 

Beurteilungskriterien

Gesicherte Diagnose:

  • ≥ 5 Episoden orthostatischer Beschwerden
  • Nachweis von OH, POTS oder Synkope
  • keine bessere andere Erklärung

Wahrscheinliche Diagnose:

  • ≥ 5 Episoden
  • typische Begleitsymptome
  • keine bessere andere Erklärung

 

Definitionen laut Leitlinie

Orthostatische Hypotonie (OH):

  • systolischer Blutdruckabfall ≥ 20 mmHg
    oder
  • diastolischer Abfall ≥ 10 mmHg
    innerhalb von 3 Minuten im Stand/Kipptisch

POTS:

  • Herzfrequenzanstieg ≥ 30/min
    (bei Jugendlichen ≥ 40/min)
    innerhalb von 10 Minuten im Stand/Kipptisch
    ohne OH

 

Differenzierung

orthostatisch-hämodynamisch:

  • nur beim Aufrichten / Stehen
  • besser im Sitzen / Liegen
  • Kreislaufbefund nachweisbar

nicht typisch orthostatisch:

  • auch im Liegen
  • auch beim Umdrehen im Bett
  • rein lagerungsabhängig
  • deutliche visuelle Trigger ohne Kreislaufbefund

 

Red Flags / wichtige Abgrenzung

Schwindel beim Umdrehen im Bett → eher BPLS
anhaltender Dauerschwindel → eher andere Ursache
neurologische Defizite → zentral abklären
starke kardiale Symptome / Belastungsbeschwerden → kardiale Ursache mitdenken


 

5. Therapie

Primärtherapie

Behandlung der Grunderkrankung

je nach Ursache:

  • Flüssigkeit / Volumen
  • Kompressionsmaßnahmen
  • langsames Aufstehen
  • Triggerreduktion
  • Training / Dekonditionierung behandeln
  • autonome bzw. internistische Mitbehandlung

 

Evidenz

Die Leitlinie betont, dass orthostatische Blutdruck- und Herzfrequenzmessungen essenziell für Screening und Dokumentation sind und dass die Abgrenzung zu vestibulären und funktionellen Ursachen klinisch entscheidend ist.


 

Medikamente

keine primäre vestibuläre Medikation
medikamentöse Therapie richtet sich nach Ursache der OH/POTS bzw. autonomer Dysfunktion


 

6. Verlauf & Prognose

abhängig von Ursache
bei reversiblen Auslösern oft gut behandelbar
bei autonomer Dysfunktion oder neurodegenerativen Erkrankungen teils chronisch
Sturz- und Synkopenrisiko relevant


 

7. Differenzialdiagnosen

benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPLS)
PPPD
Angst- und depressive Störungen
bilaterale Vestibulopathie
orthostatischer Tremor
sensomotorische Polyneuropathie
Gangstörungen
kardiale Ursachen von Schwindel / Synkope


 

8. Praxis-Take-Home

orthostatischer Schwindel ist kein klassischer Vestibularschwindel
entscheidend ist die Kopplung an Aufstehen / Stehen
Blutdruck- und Pulsmessung sind Pflicht
Besserung im Sitzen oder Liegen ist typisch
immer an OH, POTS und Synkopenneigung denken


 

9. Literatur

Kim et al., 2019 (Bárány Society)

Nach oben scrollen