Motion Sickness (Reisekrankheit) & Visuell induzierte Motion Sickness (VIMS)

Evidenzbasierte Einordnung

Erkrankung:
Motion Sickness / Visually Induced Motion Sickness (VIMS)

Leitlinienbasis:
Bárány Society Diagnostic Criteria (Cha et al., 2021)

Evidenzniveau:
Mittel–hoch (Konsensus + umfangreiche experimentelle Daten)

Empfohlene Therapie:
Expositionsmanagement, Habituation, Verhaltenstherapie, ggf. Medikamente

Medikamentöse Therapie:
Symptomatisch möglich (z. B. Antiemetika, Antihistaminika)

Prognose:
Physiologische Reaktion – oft habituierbar, bei hoher Sensitivität auch chronisch relevant


 

1. Kurzdefinition

Motion Sickness ist eine physiologische Reaktion auf reale oder visuelle Bewegung, ausgelöst durch einen sensorischen Konflikt zwischen vestibulären, visuellen und somatosensorischen Informationen.

Visuell induzierte Motion Sickness (VIMS) entsteht durch rein visuelle Bewegung (z. B. VR, Simulatoren).


 

2. Pathophysiologie

zentrale Theorie: Sensory Conflict / Neural Mismatch

→ Diskrepanz zwischen:

  • vestibulären Signalen
  • visuellen Informationen
  • somatosensorischen Rückmeldungen

Folgen:

  • Aktivierung vestibulo-autonomer Systeme
  • Übelkeit / vegetative Symptome

weitere Modelle:

  • vestibulo-autonome Überstimulation
  • evolutionäre „Toxin-Hypothese“
  • maladaptive zentrale Integration

 

3. Leitsymptome

Symptome treten während der Bewegung auf und nehmen mit Dauer zu:

Kernsymptome (mindestens eines):

  • Übelkeit / Magenbeschwerden
  • Schwindel / Vertigo
  • Müdigkeit / Benommenheit
  • visuelle Beschwerden
  • Kopfschmerzen

Weitere typische Symptome:

  • Schwitzen / kalter Schweiß
  • Blässe
  • vermehrter Speichelfluss
  • Konzentrationsstörung
  • Müdigkeit („Sopite-Syndrom“)

Symptome klingen nach Ende der Bewegung ab


 

4. Diagnostik

klinische Diagnose anhand der Kriterien


 

Diagnosekriterien (akute Motion Sickness)

A. Auslösung durch:

  • physische Bewegung oder
  • visuelle Bewegung

B. Symptome:

  • treten während der Bewegung auf
  • nehmen mit Dauer zu

C. Sistieren:

  • nach Ende der Bewegung

D. keine bessere Erklärung


 

Motion Sickness Disorder (MSD)

Zusätzlich:

  • ≥ 5 Episoden
  • reproduzierbar durch gleiche Trigger
  • keine Habituation
  • Vermeidungsverhalten oder Einschränkungen

 

Typische Trigger

physisch:

  • Auto
  • Schiff
  • Flugzeug
  • Karussell

visuell (VIMS):

  • Virtual Reality
  • Simulatoren
  • Computerspiele
  • bewegte visuelle Umgebungen

 

Differenzierung

Motion Sickness:

  • nur während Bewegung
  • nimmt mit Dauer zu
  • endet nach Bewegung

MdDS:

  • beginnt nach Bewegung
  • persistiert

PPPD:

  • chronisch
  • visuelle Trigger ohne klare Bewegung

vestibuläre Migräne:

  • episodisch, nicht stimulusgebunden

 

Red Flags

Symptome ohne Bewegung
persistierende Beschwerden nach Bewegung
neurologische Defizite
isolierter Drehschwindel ohne vegetative Symptome


 

5. Therapie

Primärtherapie

  • Expositionskontrolle
  • Blickstabilisierung (z. B. Horizont fixieren)
  • Minimierung visueller Konflikte
  • Habituation

 

Evidenz

  • Habituation ist zentraler Mechanismus
  • Suszeptibilität individuell unterschiedlich
  • kann sich über Lebensspanne verändern

 

Medikamente

möglich bei Bedarf:

  • Antihistaminika
  • Anticholinergika
  • Antiemetika

keine kausale Therapie


 

6. Verlauf & Prognose

  • meist selbstlimitierend
  • gute Anpassung durch Wiederholung möglich
  • hohe interindividuelle Unterschiede
  • bei hoher Sensitivität → Einschränkungen im Alltag möglich

 

7. Differenzialdiagnosen

vestibuläre Migräne
PPPD
MdDS
bilaterale Vestibulopathie
Angststörungen
visuelle Überforderung


 

8. Praxis-Take-Home

Motion Sickness = physiologisch, kein primär pathologischer Schwindel
Symptome nur während Bewegung
klassisch: Übelkeit + vegetative Symptome
VIMS nimmt durch VR und Bildschirmwelt stark zu
Habituation ist der wichtigste Therapieansatz


 

9. Literatur

Cha et al., 2021 (Bárány Society)


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