Mal de Débarquement Syndrom (MdDS)

Evidenzbasierte Einordnung

Erkrankung:
Mal de Débarquement Syndrom (MdDS)

Leitlinienbasis:
Bárány Society Diagnostic Criteria (Cha et al., 2020)

Evidenzniveau:
Mittel–hoch (Konsensus + klinische Daten)

Empfohlene Therapie:
Symptomorientiert, teilweise medikamentös, begrenzte Evidenz

Medikamentöse Therapie:
Teilweise wirksam (z. B. zentral wirksame Substanzen), keine standardisierte Therapie

Prognose:
Variabel – von spontan rückläufig bis chronisch persistierend


 

1. Kurzdefinition

Das Mal de Débarquement Syndrom ist ein vestibuläres Syndrom mit anhaltender, nicht rotatorischer Schwindelwahrnehmung (Schaukeln, Wippen, Schwanken), das nach passiver Bewegung (z. B. Schiff, Flugzeug) auftritt.

Typisch ist, dass sich die Symptome durch erneute passive Bewegung vorübergehend bessern.


 

2. Pathophysiologie

nicht vollständig geklärt
vermutlich zentrale vestibuläre Fehlanpassung

→ maladaptive Verarbeitung von Bewegung
→ persistierende „Bewegungsillusion“

wichtige Aspekte:

  • zentrale Netzwerke (vestibulär, visuell, limbisch) beteiligt
  • keine strukturelle Läsion
  • funktionelle Störung wahrscheinlich

 

3. Leitsymptome

charakteristisch:

  • nicht-rotatorischer Schwindel
  • Gefühl von:
    • Schaukeln (rocking)
    • Wippen (bobbing)
    • Schwanken (swaying)

Verlauf:

  • kontinuierlich oder über den Großteil des Tages

Zusatzsymptome möglich:

  • visuelle Bewegungsintoleranz
  • räumliche Desorientierung
  • Müdigkeit
  • Kopfschmerzen
  • Angst

 

4. Diagnostik

klinische Diagnose – keine apparative Bestätigung


 

Beurteilungskriterien (Bárány)

Alle Kriterien müssen erfüllt sein:

A. nicht-rotatorischer, oszillierender Schwindel
B. Beginn innerhalb von 48 h nach passiver Bewegung
C. Besserung durch erneute Bewegung (z. B. Autofahren!)
D. Dauer > 48 Stunden
E. keine bessere Erklärung


 

Verlaufsformen

  • in evolution: < 1 Monat
  • transient: Rückbildung ≤ 1 Monat
  • persistent: > 1 Monat

 

Typische Trigger

  • Schiff (klassisch!)
  • Flugzeug
  • Auto / Zug
  • selten andere rhythmische Bewegungen

 

Differenzierung

MdDS typisch:

  • Start nach Bewegung
  • Besserung durch Bewegung
  • persistierender Schwindel

nicht typisch:

  • kein Bewegungstrigger
  • Verschlechterung durch Bewegung → eher PPPD

 

Red Flags

neurologische Defizite
progrediente Symptomatik ohne Trigger
starke vestibuläre Ausfälle
Hörverlust


 

5. Therapie

Primärtherapie

keine standardisierte Therapie

mögliche Ansätze:

  • Aufklärung (extrem wichtig!)
  • Stressreduktion
  • symptomorientierte Therapie

 

Evidenz

Die Leitlinie betont:

  • Diagnose basiert ausschließlich auf Anamnese
  • apparative Diagnostik meist unauffällig
  • Fehlinterpretationen durch Überdiagnostik häufig

 

Medikamente

mögliche Optionen:

  • Benzodiazepine
  • SSRI / SNRI

(keine standardisierte Empfehlung)


 

6. Verlauf & Prognose

  • häufig spontane Besserung (v. a. < 1 Monat)
  • persistente Verläufe möglich
  • Rückfallrisiko vorhanden
  • Verlauf kann sich mit jeder Episode verlängern

 

7. Differenzialdiagnosen

vestibuläre Migräne
PPPD
Motion Sickness
funktioneller Schwindel
bilaterale Vestibulopathie

wichtige Abgrenzung:

MdDS verbessert sich durch Bewegung
PPPD verschlechtert sich durch Bewegung


 

8. Praxis-Take-Home

klassischer Trigger: Reise (Schiff/Flug)
Schwindel = Schaukeln, nicht Drehen
Besserung beim Autofahren ist hoch typisch
Diagnose rein klinisch
keine Überdiagnostik!
oft funktionelle zentrale Störung


 

9. Literatur

Cha et al., 2020 (Bárány Society)

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