Leitlinie: Vestibularparoxysmie

Evidenzbasierte Einordnung

Erkrankung:
Vestibularparoxysmie

Leitlinienbasis:
Bárány Society (Strupp et al., 2017)

Leitsymptom:
Sehr kurze, wiederkehrende Schwindelattacken

Pathomechanismus:
Neurovaskuläre Kompression des N. vestibulocochlearis (VIII)

Diagnose:
Klinisch + Therapieresponse

Therapie:
Carbamazepin / Oxcarbazepin


 

1. Definition

Die Vestibularparoxysmie ist eine seltene vestibuläre Erkrankung mit kurzen, hochfrequenten Schwindelattacken, die durch eine neurovaskuläre Kompression des VIII. Hirnnerven verursacht wird.

typisch:

  • Sekunden bis < 1 Minute
  • häufig viele Attacken pro Tag

 

2. Diagnostische Kriterien (Bárány Society)

Definitive Vestibularparoxysmie

Alle Kriterien müssen erfüllt sein:

  • ≥ 10 Attacken
  • Dauer < 1 Minute
  • spontaner Schwindel (Dreh- oder Schwankschwindel)
  • stereotypes Muster
  • Besserung unter Carbamazepin/Oxcarbazepin
  • keine bessere Erklärung

 

Wahrscheinliche Vestibularparoxysmie

  • ≥ 5 Attacken
  • Dauer < 5 Minuten
  • spontan oder durch Kopfbewegung ausgelöst
  • stereotyp
  • keine bessere Erklärung

 

3. Klinik

Typische Merkmale:

  • sehr kurze Attacken (Sekunden)
  • hohe Frequenz (bis zu 30/Tag möglich)
  • oft spontan („out of the blue“)
  • ggf. Trigger durch Kopfbewegung

Zusatzsymptome:

  • Tinnitus
  • Hörminderung
  • Gangunsicherheit

wichtig:

  • Symptome sind intraindividuell stereotyp

 

4. Pathophysiologie

Vermutlich entstehen die Attacken durch ephaptische Entladungen im Bereich des VIII. Hirnnerven.

Mechanismus:

  • neurovaskuläre Kompression
  • Demyelinisierung
  • Fehlentladungen zwischen Nervenfasern

vergleichbar mit:

  • Trigeminusneuralgie

 

5. Diagnostik

Klinisch (entscheidend!)

  • Attackencharakteristik
  • Dauer
  • Frequenz
  • Trigger

 

Apparativ

  • vestibuläre Tests → oft unauffällig oder mild verändert
  • Audiometrie → ggf. leichte Defizite

 

MRT

  • kann Gefäß-Nerven-Kontakt zeigen
  • aber:

nicht beweisend!

da auch bei Gesunden häufig vorhanden


 

6. Differenzialdiagnosen

Wichtig zur Abgrenzung:

  • Morbus Menière
  • vestibuläre Migräne
  • BPLS
  • zentrale Ursachen (MS, Hirnstamm)
  • TIA
  • Panikattacken
  • Perilymphfistel
  • Epilepsie (vestibuläre Aura)

Schlüssel:

extrem kurze Dauer + hohe Frequenz


 

7. Therapie

Medikamentös (Standard)

  • Carbamazepin (200–800 mg)
  • Oxcarbazepin (300–900 mg)

Effekt:

  • deutliche Reduktion der Attacken
  • diagnostischer Hinweis

 

Operativ (selten)

  • mikrovaskuläre Dekompression

nur bei:

  • therapierefraktären Fällen

 

8. Klinische Besonderheiten

  • seltene Erkrankung
  • oft Fehldiagnose
  • kann spontan remittieren
  • auch bei Kindern möglich

 

9. Typische Fehler

  • Verwechslung mit BPLS
  • Verwechslung mit vestibulärer Migräne
  • MRT überbewertet
  • Attackendauer falsch eingeschätzt

 

10. Praxis-Take-Home

  • sehr kurze Attacken → immer an VP denken
  • hohe Frequenz ist typisch
  • Medikamentenresponse ist diagnostisch wertvoll
  • MRT allein nicht ausreichend
  • saubere Anamnese ist entscheidend

 

11. Literatur

  • Strupp et al., 2017 (Bárány Society)
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